Globalisierungsopfer, Digitalisierungsopfer und Diskriminierungsopfer über fünfzig haben es nur noch schwer? Man könnte meinen, Arbeit sei in der Schweiz ungerecht verteilt und es werde für Arbeitswillige immer schwieriger, ihren Lebensunterhalt würdig zu verdienen.

Dabei haben wir Vollbeschäftigung. Warum also die Angstmacherei? Mit den Ängsten lässt sich eben trefflich Politik machen und mit Einzelbeispielen mediale Aufmerksamkeit erheischen. Doch das Problem liegt ganz woanders. Wir werden noch froh sein um die Errungenschaften der Digitalisierung und dankbar für alle, die nach 65 weiter erwerbstätig sein wollen und können, weil die Rente nicht mehr reicht.

Zurzeit zahlen für drei AHV-Bezüger zehn Erwerbstätige Sozialversicherungsbeiträge ein. 2030 – in gut zehn Jahren also – zahlen für zwei AHV-Bezüger nur noch fünf Erwerbstätige ein. 2045 bin ich 77 und sollte mich mit der arbeitenden Bevölkerung gutstellen, denn für jeden altershalber Sozialversicherungsabhängigen kommen nur noch zwei Erwerbstätige auf. Wie hoch die AHV-Abzüge auf den Löhnen dafür sein müssen? Genau: viel höher als heute. Und das, obschon die Anzahl Erwerbstätiger bis dahin um 10 Prozent oder eine halbe Million Personen steigen wird, gemäss Hochrechnungen des Bundesamtes für Statistik.

Doch die Anzahl über 65-Jähriger verdoppelt sich in derselben Zeit fast von 1,5 auf 2,7 Millionen. Das nennt man demografischen Wandel.

Hochkonjunktur für Care-Economy und Handwerk

Wer unternehmerisch für die Zukunft plant, investiert in Geschäftsmodelle, die Rentnerinnen und Rentner im Erwerbsleben halten, und in Strukturen, die Vereinbarkeit und Inklusion stärken, damit alle Arbeitsfähigen erwerbstätig sein können und wollen. Wer einen Beruf der Zukunft sucht, wird ins Gesundheits-und Sozialwesen gehen und in Handwerksberufe, da Büroarbeit und Bildung viel einfacher digitalisierbar sind, als einen gebrechlichen Menschen zu frisieren, einen Verband zu wechseln und eine Küche zu renovieren. Für die Care-Economy und das Handwerk prophezeie ich Hochkonjunktur. Falls wir die Fachkräfte dafür aufbauen und finden. Sonst sind wir arm dran.

Kolumne von Esther-Mirjam de Boer, erschienen in der Handelszeitung vom 24. Januar 2019.

PS: die Hälfte aller Frauen ohne schulpflichtige Kinder arbeitet in der Schweiz Mini-Teilzeit. Das können wir uns als Gesellschaft nicht mehr lange leisten. Wir brauchen wirksame Lenkungsmassnahmen, um die Arbeit besser auf alle Erwerbsfähigen zu verteilen. Individualbesteuerung zum Beispiel.

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